Factoring aktuell 

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Factoring hat sich in Deutschland erfolgreich etabliert

Mittelständler entdecken Vorteile des für sie wichtigen Finanzierungsinstruments – Beachtliche Zuwachsraten

 Von Berward J. Rohmann, Mitgründer und Geschäftsführer der Close Finance GmbH in Mainz (Börsen-Zeitung vom 08.07.2006)

 

Seit den Zeiten des Wirtschaftswunders in den Fünfziger Jahren haben sich mittelständische Unternehmen fast vollständig durch Eigenmittel und Bankkredite finanziert. Die Geschäftsbeziehung zur kreditgebenden Bank war besonders eng und auf Dauer angelegt. Banken konkurrierten um die Position der „Hausbank“, von der ein Unternehmen auch in schwierigen Zeiten Unterstützung erwarteten und erhielt.

 

Die Situation hat sich geändert. Von Ende 2002 (281 Mrd. €) bis zum Jahresende 2005 (230 Mrd. €) sind die kurzfristigen Ausleihungen des Bankensektors an Unternehmen und Selbstständige um 18 % zurückgegangen. Einer der Gründe dafür lag zweifellos bei den Unternehmen selbst, die angesichts einer schwachen Wirtschaftsentwicklung ihre Kreditnachfrage deutlich reduzierten. Eine andere Ursache aber war und ist wenigstens genauso wichtig. Sie findet sich im Verhalten mancher Kreditgeber, die das Firmenkreditgeschäft als ertragsschwach und besonders risikoreich einstuften und deswegen zurückführten.

 

Kunden „zweiter Klasse“

Viele – und zwar insbesondere kleinere – mittelständische Unternehmen fühlten sich in die Rolle eines Kunden „zweiter Klasse“ gedrängt. In einem oft schmerzhaften Prozess mussten sie begreifen, dass die langjährige Geschäftsbeziehung zu ihrer Hausbank nicht mehr viel wert war und die Bezeichnung „Hausbank“ nichts mehr bedeutete. Kreditlinien wurden nicht mehr erhöht oder sogar gekündigt.

 

Nachdem Factoring in Deutschland erstmals 1958 angeboten wurde, hatten Factoring-Gesellschaften – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern – lange einen eher schweren Stand. In der für viele mittelständische Unternehmen kritischen Phase der letzten Jahre sind die Factoring-Gesellschaften jedoch in die Bresche gesprungen. Die Branche hat den Mittelstand neue Finanzierungsmöglichkeiten angeboten und ihr Geschäftsvolumen deutlich ausgeweitet. Im Jahr 2005 war der Factoring-Umsatz mit 55 Mrd. € fast doppelt so hoch wie in 2002 mit 30 Mrd. €. Was macht Factoring so attraktiv und erfolgreich?

 

Was leistet der Bankkredit?

Diese Frage beantwortet sich am Beispiel eines typischen mittelständischen Unternehmens, das einen Jahresumsatz von 15 Mio. € erzielt. Lieferungen erfolgen auf Ziel; die Debitoren zahlen im Durchschnitt nach 60 Tagen. Das Unternehmen muss kontinuierlich Außenstände von 2,5 Mio. € finanzieren. Wird dafür Eigenkapital eingesetzt, fehlt es schnell an anderer Stelle.

 

Was leistet der Bankkredit, wenn er denn überhaupt verfügbar ist? Der Kreditgeber lässt sich die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen als Sicherheit abtreten, nimmt einen pauschalen Bewertungsabschlag vor, der im Durchschnitt bei 75 % liegen dürfte, und räumt gegen Sicherheiten von 2,5 Mio. € eine Kreditlinie von 0,5 Mio. € ein. Dem Unternehmen bleibt eine Finanzierungslücke von 2 Mio. €. Nebenbei: Die Zinsen auf den Kredit gelten steuerlich als „Dauerschulden“ mit den bekannten Belastungen durch die Gewerbesteuer.

 

Zum Vergleich: Was leistet Factoring? Vor Vertragsabschluss prüft der Factor die Bonität seines Kunden und informiert sich umfassend über Produkt, Liefer- und Zahlungsbedingungen sowie Abnehmerstruktur. Mit Abschluss des Factoring-Vertrages dient das Unternehmen seinen Forderungsbestand von 2,5 Mio. € (und künftige Forderungen, sobald sie entstanden sind) dem Factor zum Ankauf an. Da der Factor über die personellen und organisatorischen Voraussetzungen verfügt, die Bonität der einzelnen Debitoren zu prüfen, wird er erfahrungsgemäß eine Ankaufsquote von bis zu 90 % (2,25 Mio. €) des Forderungsbestandes darstellen können. Bei einem Vorschuss von bis zu 90 % durch den Factor fließt dem Factoring-Kunden sofort Liquidität zu in Höhe von ungefähr 2,0 Mio. €. Die einbehaltenen restlichen 10 % des Kaufpreises (“Sperrkonto“) überweist der Factor nach Eingang der Zahlung des Debitor bzw. auch bei Nichtzahlung im Falle der Insolvenz des Debitors. Die nicht angekauften Forderungen übernimmt der Factor zum Inkasso.

 

Der Vergleich zeigt den zentralen Vorteil des Forderungsverkaufs durch Factoring gegenüber der Kreditfinanzierung: Für ein Unternehmen werden ca. 80 % des Umsatzes sofort zu Liquidität, während eine Kreditaufnahme nur einen Liquiditätszufluss von 25 % des Umsatzes ergeben hätte. Wie kommt dieser deutliche Unterschied zustande? Warum leistet Factoring mehr?

 

Rechtsordnung kommt zugute

Der Factor ist Spezialist für Umsatzfinanzierung und verfügt – wie schon beschrieben – über die Möglichkeiten und Instrumente, den Wert eines anzukaufenden Forderungsbestandes nicht nur einmal pauschal, sondern individuell für jeden Kunden täglich fortlaufend und damit bestmöglich zu ermitteln. Er begrenzt sein Risiko zusätzlich durch den Abschluss einer Warenkreditversicherung. Ihm kommt auch zugute, dass die deutsche Rechtsordnung dem Käufer einer Forderung eine stärkere rechtliche Position zuweist als jemandem, dem eine Forderung im Zusammenhang mit einer Kreditvergabe „nur“ sicherungsübereignet ist. Hinzu kommt, dass Factoring vielfach schon eingesetzt werden kann, wenn ein Bankkredit für ein Unternehmen (noch) gar nicht verfügbar ist. Nehmen wir die Situation eines neu gegründeten Unternehmens, das erste Umsätze realisiert und von dem Zahlungsziele verlangt werden. Während bei einer Kreditentscheidung sich das Merkmal „Neugründung“ schnell als Killer-Kriterium erweist, stützt der Factor seine Entscheidung zur Aufnahme einer Geschäftsbeziehung auch auf die Qualität der Debitoren und kann dadurch einen Factoring-Rahmen einräumen. Ähnliches gilt für ein Unternehmen, das sich aus einer Insolvenz befreien will: Ist die Qualität des Debitorenbestandes ausreichend, kann der Factor helfen.

 

Der Vergleich wäre unvollständig ohne einen Blick auf die Kosten. Beide, Kreditgeber und Factor, berechnen Zinsen. Der Zinssatz dürfte ungefähr vergleichbar sein. Der Vergleich der Gebühren ist schwieriger, denn ohne Berücksichtigung des größeren Leistungsumfangs des Factors ergibt sich ein schiefes Bild. Hier ist es zweckmäßig, dass ein Unternehmen den Wert seiner Vorteile bzw. eingesparte Ausgaben ermittelt und zur Factoring-Gebühr in Beziehung setzt. In der Praxis stellt sich dann oft schnell heraus, dass ein Factoring-Kunde allein schon durch Skontoerträge bei Abbau seiner Lieferantenverbindlichkeiten die Factoring-Gebühren ausgleichen kann.

 

Erwähnt werden soll auch, dass die Effizienzgewinne bei Datenübertragung und -verarbeitung jetzt auch (noch) kleinen Unternehmen den Weg zum Factoring öffnen. Seit kurzem bieten einige Factoring-Gesellschaften, die über eine moderne und hochleistungsfähige Systeminfrastruktur verfügen, Unternehmen schon ab einem Jahresumsatz von ca. 1 Mio. € und guten Wachstumsaussichten eine Zusammenarbeit an.

 

Markt ist noch klein

Factoring hat sich in Deutschland erfolgreich etabliert und ist schon für 3.200 mittelständische Unternehmen zu einem wichtigen Finanzierungsinstrument geworden. Der Mittelstand hat das Factoring und seine Vorteile entdeckt. Trotz der rasanten Zuwachsraten in den letzten Jahren ist der Factoring-Markt – auch im internationalen Vergleich – aber noch klein. Daher verlangt die Prognose wenig Mut, dass die Zahl der Factoring-Kunden und das Volumen des Factoring-Marktes auch in Zukunft stark wachsen werden. Ausgeprägte Optimisten erwarten sogar, dass der Factor mit seinem überlegenen Produkt und Dank der genauen und aktuellen Kenntnis des Cash-flow seiner Kunden für kleinere Unternehmen zum wichtigsten Finanzierungspartner avanciert.